«Wenn ich noch etwas konstanter werde, ist vieles möglich»

«Der Blick zurück auf die vergangene Saison, erfüllt mich mit Zuversicht für die Zukunft», erklärt Thomas Tumler, der die nächste Saison als Mitglied der Nationalmannschaft bestreiten wird. Nach dem ersten Podestplatz im Weltcup liebäugelt er nun selbstbewusst mit einem neuen historischen Meilenstein. Lesen Sie selbst.

Thomi, auf Facebook hast Du am 2. April ein Foto gepostet, auf dem Du zusammen mit Marco Odermatt einen Kaffee trinkst: Talking about the good times we had last season. Du blickst also zufrieden auf die vergangene Saison zurück?

Thomas Tumler: Unbedingt. Ich hatte mir vorgenommen, den Nachteil der hohen Startnummern wettzumachen und mir im Super G und im Riesenslalom einen Startplatz unter den besten 30 zu sichern. Das ist mir sehr schnell gelungen. Im Riesenslalom belege ich in der Jahreswertung Rang 18, im Super G Rang 28. Im Gesamtweltcup bin ich mit 169 Punkten in den Top 50 platziert. Darauf lässt sich aufbauen.

Wir kommen darauf zurück, aber zuerst Dein viertletztes Foto auf Facebook: «Für mich ist diese Saison frühzeitig zu Ende gegangen – mit einem gesplitterten Mittelhandknochen und viel Frust.» …

Thomas Tumler: Ja, natürlich, das Kvitfjell-Wochenende hatte ich mir anders vorgestellt. Ich hatte mir sehr viel vorgenommen für das Weltcupfinale, weil ich an diesem Ort schon sehr grosse Erfolge im Europacup hatte feiern dürfen. Aber das ändert nichts an der positiven Gesamtbilanz. Ich habe ja auch, wenn ich mich recht erinnere, auf dem Bild nicht allzu griesgrämig dreingeschaut. Im Skirennsport musst Du immer hart am Limit fahren, wenn Du erfolgreich sein möchtest. Da sind Verletzungen nicht ganz auszuschliessen. Wichtig für mich ist, dass mich diese Handverletzung – nicht zuletzt dank der schnellen und guten ärztlichen Behandlung – bereits jetzt kaum mehr behindert. Ich kann die Kaffeetasse notfalls auch mit der linken Hand hochheben und befinde mich bereits wieder im Training, um meine Grundfitness halten zu können.

Du bist 2012 als grosses Talent in den Weltcup eingestiegen, musstest dann aber eine relativ lange Durststrecke durchmachen. Wie siehst Du das rückblickend?

Thomas Tumler: Natürlich träumt man davon, in den Weltcup zu kommen und dann sofort durchzustarten und in die Top Ten vorzustossen. Das gelingt aber nur ganz wenigen Ausnahmetalenten. Die Realität ist anders, man muss Routine sammeln und sich Schritt für Schritt nach oben arbeiten. Ich fuhr zwar einige Weltcuprennen, konzentrierte mich zunächst aber auf den Europacup, wo ich 2014 die Disziplinenwertung im Super G gewann. Ich wurde ins A-Kader aufgenommen, erzielte im März 2016 im Super G von St. Moritz mein erstes Top-Ten-Ergebnis. So gesehen verlief meine Karriere mehr oder weniger plangemäss. Die Saison 2016/2017 war dann aber ein Albtraum.

Dachtest Du damals sogar ans Aufgeben?

Thomas Tumler: Es gab im Laufe der Saison 2016/17 tatsächlich Phasen, in denen ich ernsthaft an einen Rücktritt im Skisport dachte. Wenn Du ein ganzes Jahr lang mit Rückenbeschwerden zu kämpfen hast, drückt das gewaltig auf die Stimmung. Es war wirklich nicht einfach, aber zum Glück hatte ich stets das richtige Umfeld und die notwendige Unterstützung durch meine Familie und im Skiclub Samnaun, um diese Durststrecke und den langen Weg zurück zur vollen Leistungsfähigkeit überstehen zu können.

Und dann begann die Saison 2018/2019 – am 21. und 22. November mit zwei Abfahrtstrainings im kanadischen Lake Louise. Das war für Aussenstehende eher überraschend…

Thomas Tumler: Zum einen war das eine gute Vorbereitung für den Super G, wo ich mit grossen Ambitionen in die Saison stieg, zum anderen fahre ich gerne Abfahrt und könnte mir theoretisch vorstellen, auch da im Weltcup einmal Punkte zu sammeln. Aber das ist im Moment aus zwei Gründen schwierig. Erstens besitzt die Schweiz erfreulicherweise ein sehr breites und sehr gutes Abfahrtsteam, und zweitens müsste ich meine Startposition mit guten Ergebnissen im Europacup verbessern. Das aber ist aus zeitlichen Gründen unmöglich. Ich peile darum die dritte Variante an: Wenn ich im Weltcup 500 Punkte erreiche, kann ich unmittelbar nach den Top 30 starten. Dann ist einiges möglich.

500 Punkte? Damit würdest Du im Weltcup locker unter die Top 20 vorstossen. Das ist eine Ansage!

Thomas Tumler: Ich weiss, was ich kann und habe das im letzten Jahr im Training fast täglich bewiesen. 500 Punkte sind in der nächsten oder übernächsten Saison keine unerreichbare Grenze.

Wenn…

Thomas Tumler: … es mir gelingt, mein Leistungsvermögen konstant abzurufen. Nehmen wir den Riesenslalom. Da ist mir in Beaver Creek ja ein optimaler zweiter Lauf gelungen, der mir mit dem dritten Rang den ersten Podestplatz meiner Karriere eingebracht hat. Und in Alta Badia belegte ich die Ränge 9 und 11. Daneben aber schied ich einige Male in aussichtsreicher Position aus oder vergab durch einen groben Schnitzer eine Topklassierung. Und im Super G, den ich anfangs Saison als meine stärkere Disziplin ansah, verlief das ähnlich. Da blieb ich mit einem 15. Platz in Val Gardena als Bestresultat deutlich hinter meinen Möglichkeiten zurück.

Es gibt Stimmen, die dies auf mangelndes Selbstvertrauen zurückführen …

Thomas Tumler: … und sich irren. Das Selbstvertrauen ist da. Aber es ist richtig, dass ich mich im mentalen Bereich noch verbessern, mich noch besser auf das Rennen fokussieren muss. In dieser Hinsicht bin ich zuversichtlich, ich denke, in meinem Umfeld die richtigen Weichen gestellt zu haben.

Und Swiss Ski setzt auch auf Dich und hat Dich für die nächste Saison erstmals in die Nationalmannschaft aufgenommen.

Thomas Tumler: Meine Trainer und auch der Verband glauben an meine Möglichkeiten. Das ist wichtig für mich. Die Aufnahme in die Nationalmannschaft ist aber keine Talentförderungsmassnahme, sondern beruht auf klaren Kriterien, die ich in der letzten Saison erfüllt habe.

Letzte Frage: Du hast Dich anfangs 2019 in einer Kampagne der Krebsliga engagiert, und Dein Helmsponsor ist der Claro Weltladen. Sind Dir solche Anliegen wichtig?

Thomas Tumler: Beides kam, ehrlich gesagt, zustande, ohne dass ich es direkt angepeilt hätte; aber es ist doch wesentlich mehr als ein reiner Zufall. Meine Mutter ist an Krebs gestorben. Deshalb weiss ich, wie unterstützungswürdig das Engagement der Krebsliga ist. Und als Skifahrer bin ich sehr naturverbunden. Gleichzeitig weiss ich aber, dass ich wegen der grossen Reisedistanzen keinen optimalen ökologischen Fussabdruck besitze. Deshalb ist mir Nachhaltigkeit in einem sehr weitgefassten Sinn durchaus ein Anliegen – und Claro sehr sympathisch. Generell gesagt, geht es mir bei einem Sponsor nicht nur um Geld – obwohl ich als Profi darauf angewiesen bin –, sondern entscheidend ist, dass wir zusammenpassen, Partner sind, die eine gemeinsame Basis finden, einander vertrauen und ein Stück Weg miteinander gehen wollen.

Herzlichen Dank, Thomy, für dieses Gespräch, und alles Gute für die neue Saison.

Interview mit Andreas Schiendorfer

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